med.nexframe
Studien · Sportmedizin & Training

Handkraft als Risikomarker für neun Langzeit-Gesundheitsprobleme

In 94 Kohortenstudien hatten Erwachsene mit der höchsten vs. niedrigsten Handkraft für neun Langzeit-Gesundheitsprobleme ein geringeres Risiko, z. B. Demenz (OR 0,62). Die Evidenz ist nur für Diabetes und Demenz moderat. Ob Krafttraining vorbeugt, wurde nicht untersucht.

Von Viktor Bossert · Veröffentlicht am 19. Oktober 2026

Datenvisualisierung

Was verrät die Handkraft über die Gesundheit?

Höchste vs. niedrigste Handkraft: Risiko je Gesundheitsproblem

Gepoolte Odds Ratios mit 95%-KI aus Kohortenstudien; Studienzahl laut Abb. 2, Vertrauenswürdigkeit (GRADE) laut Tab. 1

Bei allen neun gepoolten Gesundheitsproblemen hatte die Gruppe mit der höchsten Handkraft ein geringeres Risiko; bei Krebs und Atemwegen nicht nachweisbar.

1/4
  1. Bei allen neun gepoolten Gesundheitsproblemen hatte die Gruppe mit der höchsten Handkraft ein geringeres Risiko; bei Krebs und Atemwegen nicht nachweisbar.
  2. Am deutlichsten bei Behinderung/Mobilität und kognitivem Abbau (je OR 0,57) sowie Parkinson (OR 0,53).
  3. Moderat ist die Evidenz nur für Typ-2-Diabetes und Demenz, sonst niedrig bis sehr niedrig (GRADE).
  4. Ein Zusammenhang, kein Beweis: Ob Krafttraining vorbeugt, wurde nicht untersucht.
OR < 1: In der Gruppe mit der höchsten Handkraft traten diese Gesundheitsprobleme im Follow-up seltener neu auf als in der schwächsten Gruppe. Kategorien und Cut-offs unterscheiden sich zwischen den Studien. Der Gesamtwert mittelt über verschiedene Endpunkte und ist nur orientierend (laut Abbildung 76 Schätzer, die Zeilen ergeben 73). Krebs und Atemwegserkrankungen fehlen, weil dazu im Extremgruppenvergleich nur eine einzelne Studie vorlag. Beobachtungsdaten: Die Grafik zeigt einen Zusammenhang, keinen Effekt von Training.
Daten als Tabelle
OR95%-KI unten95%-KI obenn
Herz-Kreislauf-Erkrankungen0,730,670,815 Studien · GRADE niedrig
Typ-2-Diabetes0,790,680,915 Studien · GRADE moderat
Muskuloskelettale Beeinträchtigung0,650,560,7610 Studien · GRADE sehr niedrig
Behinderung / Mobilität0,570,470,713 Studien · GRADE niedrig
Angst0,790,630,993 Studien · GRADE niedrig
Depression0,70,630,789 Studien · GRADE sehr niedrig
Kognitiver Abbau0,570,440,758 Studien · GRADE sehr niedrig
Demenz0,620,530,735 Studien · GRADE moderat
Parkinson0,530,310,913 Studien · GRADE sehr niedrig
Alle Endpunkte (orientierend)0,650,610,7–
Datenvisualisierung

Und wer schnell aufsteht?

Zweiter Test: fünfmal vom Stuhl aufstehen

Beste vs. schlechteste Kategorie im 5-maligen Aufstehtest (5-CST), gepoolte Odds Ratios mit 95%-KI; Studienzahl laut Abb. 3

Auch die Besten im fünfmaligen Aufstehtest hatten seltener Probleme, am deutlichsten bei muskuloskelettaler Beeinträchtigung (OR 0,52).

1/1
  1. Auch die Besten im fünfmaligen Aufstehtest hatten seltener Probleme, am deutlichsten bei muskuloskelettaler Beeinträchtigung (OR 0,52).
Kognitiver Abbau (OR 0,39) fehlt, weil nur eine Studie vorlag. Wenige Studien je Endpunkt: Die Schätzungen sind unsicherer als bei der Handkraft.
Daten als Tabelle
OR95%-KI unten95%-KI obenn
Typ-2-Diabetes0,80,720,882 Studien
Muskuloskelettale Beeinträchtigung0,520,370,746 Studien
Behinderung / Mobilität0,580,410,825 Studien
Depression0,630,420,952 Studien
Demenz0,680,540,852 Studien
Alle Endpunkte (orientierend)0,610,520,7118 Schätzer

Die Zahlen

Datenbasis
155 Kohortenstudien, 94 metaanalysiert
Fundstelle: Abstract„A total of 155 studies were included with 94 included in the meta-analysis.“
Demenz
OR 0,62 (0,53–0,73)
Fundstelle: Abstract„dementia (OR=0.62; 95% CI 0.53 to 0.73)“
Behinderung / Mobilität
OR 0,57 (0,47–0,70)
Fundstelle: Abstract„disability (OR=0.57; 95% CI 0.47 to 0.70)“
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
OR 0,73 (0,67–0,80)
Fundstelle: Abstract„cardiovascular diseases (OR=0.73; 95% CI 0.67 to 0.80)“
Typ-2-Diabetes
OR 0,79 (0,68–0,91)
Fundstelle: Abstract„type 2 diabetes mellitus (OR=0.79; 95% CI 0.68 to 0.91)“
Herz-Kreislauf pro +5 kg Handkraft
OR 0,93 (0,90–0,96)
Fundstelle: Abschnitt Results „Per 5-kg increase in HGS test“ und Abb. 2 (rechtes Panel)„A 5 kg increase in HGS was associated with a lower risk of several long-term health conditions (all p<0.05), including cardiovascular diseases (OR=0.93)“
Vertrauenswürdigkeit (GRADE)
moderat nur für Typ-2-Diabetes und Demenz, sonst niedrig bis sehr niedrig
Fundstelle: Abschnitt Results „Methodological quality, risk of bias and certainty of evidence“„the certainty of the evidence was assessed as low or very low for most long-term health conditions, except for T2DM and dementia, which showed moderate certainty in both muscular strength tests“
Zeitaufwand Handkrafttest
unter 1 Minute
Fundstelle: Abschnitt „Clinical implications“„The HGS test can be completed in less than a minute using a portable dynamometer“

Was die Studie zeigt – und was nicht

Die Metaanalyse bündelt Kohortenstudien zu zwei einfachen Feldtests. Erwachsene, überwiegend mittleren und höheren Alters, mit der höchsten Handkraft entwickelten im Follow-up seltener neun Langzeit-Gesundheitsprobleme als die schwächste Gruppe, am deutlichsten Behinderung, kognitiven Abbau, Parkinson und Demenz (OR 0,53–0,62). Beim fünfmaligen Aufstehen vom Stuhl zeigt sich ein ähnliches Muster. Handkraft und Aufstehtest eignen sich damit als schnelle, günstige Risikomarker für Screening und Verlaufskontrolle. Die Studie zeigt nicht, dass ein Kraftzuwachs, etwa durch Training, das Risiko senkt: Es sind Beobachtungsdaten, körperliche Aktivität und Rauchen ließen sich nicht herausrechnen, und beginnende Erkrankungen können die Kraft selbst senken. Die Cut-offs sind nicht einheitlich, ein klinischer Grenzwert lässt sich nicht ablesen. Die Vertrauenswürdigkeit ist nur für Typ-2-Diabetes und Demenz moderat, sonst niedrig bis sehr niedrig; für Krebs und Atemwegserkrankungen reicht die Datenlage nicht.

Evidenzprofil

Begrenzte Evidenz

Studiendesign der obersten Stufe für Prognosefragen (Metaanalyse von 94 Kohortenstudien, präregistriert), aber reine Beobachtungsdaten. Die Autoren bewerten die Vertrauenswürdigkeit nach GRADE nur für Typ-2-Diabetes und Demenz als moderat, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Behinderung und Angst als niedrig, für muskuloskelettale Beeinträchtigung, Depression, kognitiven Abbau und Parkinson als sehr niedrig. Die Richtung des Zusammenhangs ist über alle Endpunkte konsistent, die Effektgröße unsicher, eine Kausalaussage nicht möglich.

Studientyp
Metaanalyse (systematische Übersicht von Kohortenstudien)
Teilnehmende
94 Kohortenstudien metaanalysiert (155 im Review); eine Gesamtzahl der Teilnehmenden wird nicht berichtet
Population
Erwachsene ab 18 Jahren aus der Allgemeinbevölkerung (Studien an Gruppen mit bestimmter Vorerkrankung ausgeschlossen, Begleiterkrankungen aber möglich); in der Handkraft-Analyse lagen die mittleren Alter der Studien zwischen 50,0 und 84,7 Jahren; überwiegend UK Biobank, China Health and Retirement Longitudinal Study und Korean Longitudinal Study of Ageing
Intervention / Exposition
Keine Intervention (Exposition): höchste Kategorie der absoluten Handkraft in kg (Tertil 3, Quartil 4 bzw. Quintil 5); zusätzlich kontinuierlich pro +5 kg; beim 5-maligen Aufstehtest (5-CST) beste Kategorie bzw. pro 1 s schneller
Vergleich
Niedrigste Kategorie der Handkraft (Tertil 1, Quartil 1 bzw. Quintil 1) bzw. schlechteste Kategorie im 5-CST
Endpunkt
Neu auftretende Langzeiterkrankungen, definiert nach MeSH: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Typ-2-Diabetes, Atemwegserkrankungen, muskuloskelettale Beeinträchtigung (z. B. Osteoporoserisiko, Stürze, Frakturen), Behinderung (ADL, funktionelle Mobilität, Gehfähigkeit), Angst und Depression (Diagnose oder Symptome), kognitiver Abbau, Demenz, Parkinson; Effektmaß Odds Ratio (HR und OR gemeinsam als OR gepoolt)
Dauer / Nachbeobachtung
Follow-up der eingeschlossenen Studien 1,5–25,3 Jahre; Literatursuche bis 20.11.2024
Finanzierung
Öffentlich: spanisches Wirtschaftsministerium (DEP2017-88043-R), spanisches Universitätsministerium (RD 289/2021, NextGenerationEU), Salvador-de-Madariaga-Mobilitätsprogramm (PRX22/00575), Juan-de-la-Cierva-Stipendium (JDC2022-048611-I); Universität Castilla-La Mancha/Europäischer Sozialfonds und Swedish Research Council for Health, Working Life and Welfare (2023-01125) für B. Bizzozero-Peroni; MICIU/AEI/ERDF (PID2023-148404OB-I00) für F. B. Ortega; keine Industriefinanzierung genannt
Interessenkonflikte
Keine erklärt ("Competing interests: None declared.")

Stärken

  • Große Datenbasis: 94 metaanalysierte Kohortenstudien, einzelne Endpunkte mit mehreren Hunderttausend Personen
  • Präregistriert (PROSPERO CRD42022324110), nach PRISMA und MOOSE berichtet, Doppelscreening (κ = 0,85)
  • Methodische Qualität der Einzelstudien überwiegend hoch (92,6 % mit Newcastle-Ottawa-Score > 7)
  • Konsistente Richtung über neun Endpunkte und Dosis-Wirkungs-Gradient (z. B. Herz-Kreislauf OR 0,93 pro +5 kg)
  • Dreistufiges Modell bei überlappenden Kohorten, Leave-one-out-Analysen ohne wesentliche Änderung
  • Open Access (CC BY 4.0): alle Zahlen im Volltext prüfbar

Grenzen

  • Beobachtungsdaten: Zusammenhang, keine Ursache; Sensitivitätsanalysen zu körperlicher Aktivität oder Rauchen waren laut Autoren nicht möglich, Rest-Confounding bleibt
  • Unterschiedliche Testprotokolle, Geräte und Cut-offs zwischen den Studien; verglichen werden Extremgruppen (oberstes vs. unterstes Tertil, Quartil oder Quintil)
  • Laut Autoren hohe Heterogenität (I² > 75 %) bei mehreren Endpunkten, u. a. kognitiver Abbau, muskuloskelettale Beeinträchtigung und Depression
  • Hazard Ratios, relative Risiken und Odds Ratios wurden gemeinsam als OR gepoolt; relative Maße, keine absoluten Risiken
  • Wenige Studien zu Krebs und Atemwegserkrankungen; unterrepräsentiert sind Niedrigeinkommensländer, ethnische Minderheiten und jüngere Erwachsene
  • Eigene Anmerkung: umgekehrte Kausalität (beginnende Erkrankung senkt die Kraft) wird nicht diskutiert
  • Eigene Anmerkung: Die Publikation enthält Inkonsistenzen (Studienzahlen in Tab. 1 vs. Abb. 2, Zeilensummen 73 vs. 76, fehlbeschriftete Effektspalte in Tab. 1); diese Seite verwendet nur die Werte aus Abb. 2

Methodik

Präregistrierte systematische Übersicht mit Metaanalyse (PROSPERO CRD42022324110; PRISMA, MOOSE) prospektiver und retrospektiver Kohortenstudien an Erwachsenen ≥ 18 Jahren; Suche in PubMed, Web of Science, SPORTDiscus, Scopus, CINAHL und Epistemonikos sowie Google Scholar bis 20.11.2024. Die am stärksten adjustierten HR, RR und OR wurden gemeinsam als OR im Random-Effects-Modell (Sidik-Jonkman) gepoolt, bei überlappenden Kohorten dreistufig, getrennt für Extremgruppen (höchste vs. niedrigste Kategorie) und kontinuierlich (pro 5 kg bzw. pro 1 s). Die Qualität der Einzelstudien wurde mit Newcastle-Ottawa und QUIPS bewertet, die Vertrauenswürdigkeit je Endpunkt mit GRADE.

Quelle

Marín-Jiménez N, Bizzozero-Peroni B, Molina-Garcia P, … et al.. Clinical importance of simple muscular fitness tests to predict long-term health conditions: a systematic review and meta-analysis of 94 cohort studies. British Journal of Sports Medicine 2026;60(6):465–483. doi:10.1136/bjsports-2024-109173 · PMID 41667153 · PMC13018823 · Open Access (CC BY 4.0)

Prüfprotokoll

Recherchiert am 19. Oktober 2026. Unabhängige Zweitprüfung aller Zahlen am 19. Oktober 2026: korrigiert.

Korrigiert in der Zweitprüfung:
  • Keine Zahl falsch; präzisiert: „Langzeit-Gesundheitsprobleme“ statt „Erkrankungen“, da auch Behinderung, Stürze und symptombasierte Depression erfasst sind
  • Heterogenität und Digitalisierung von Schätzern nicht mehr als von den Autoren genannte Limitation ausgewiesen
  • Altersangabe als Spanne der Studien-Mittelwerte gekennzeichnet; Förderer mit vollem Namen
  • Inkonsistenzen der Publikation offengelegt; verwendet werden nur die Werte aus Abb. 2 und 3
  • Erster Grafikschritt: Krebs und Atemwegserkrankungen ohne nachweisbaren Zusammenhang ergänzt, „alle neun“ auf die gepoolten Endpunkte bezogen
Nicht verwendet oder nicht geprüft:
  • Ergänzende Tabellen (Supplement) mit Studiencharakteristika
  • Effektspalte in Tab. 1 der Publikation (fehlerhaft beschriftet, nicht verwendet)

Diese Seite fasst eine wissenschaftliche Veröffentlichung für Fachkreise zusammen. Sie ist keine Behandlungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.

Für deine Studie

Eigene Daten, so verständlich wie hier?

Visual Abstracts, interaktive Grafiken und Erklärvideos zu deiner Publikation, fachlich an der Primärquelle geprüft.