Statin ab 70: weniger Herzereignisse, nicht länger ohne Behinderung
In STAREE (9.971 Menschen ab 70 ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Demenz) traten unter Atorvastatin 40 mg über median 5,9 Jahre seltener schwere kardiovaskuläre Ereignisse auf als unter Placebo (HR 0,70). Beim Überleben ohne Demenz oder bleibende Behinderung zeigte sich kein Vorteil (HR 0,94).
- Moderate Evidenz
- Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie (RCT)
- 9.971 randomisiert
- New England Journal of Medicine 2026
Von Viktor Bossert · Veröffentlicht am 19. Oktober 2026
Verlängert ein Statin ab 70 das Überleben ohne Behinderung?
Atorvastatin ab 70: zwei primäre Endpunkte
Hazard Ratio Atorvastatin 40 mg vs. Placebo mit 95%-KI, median 5,9 Jahre
Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse waren unter Atorvastatin seltener: HR 0,70 (0,61–0,82).
- Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse waren unter Atorvastatin seltener: HR 0,70 (0,61–0,82).
- Beim Überleben ohne Demenz oder bleibende Behinderung zeigte sich kein nachweisbarer Vorteil: HR 0,94, das 95%-KI schließt die 1 ein.
Daten als Tabelle
| HR | 95%-KI unten | 95%-KI oben | n | |
|---|---|---|---|---|
| Schwere CV-Ereignisse | 0,7 | 0,61 | 0,82 | 297 vs. 412 Ereignisse |
| Tod, Demenz, Behinderung | 0,94 | 0,84 | 1,05 | 637 vs. 676 Ereignisse |
Wie viel ist das absolut?
Ereignisraten je 1.000 Personenjahre
Rohe Raten je 1.000 Personenjahre (PJ) in beiden Gruppen für die zwei primären Endpunkte; CV = kardiovaskulär
Herz-Kreislauf: 10,9 statt 15,5 Ereignisse je 1.000 Personenjahre.
- Herz-Kreislauf: 10,9 statt 15,5 Ereignisse je 1.000 Personenjahre.
- Tod, Demenz oder Behinderung: 21,6 statt 23,0 – statistisch kein Unterschied nachweisbar.
Daten als Tabelle
| Gruppe | Wert (je 1.000 PJ) | 95%-KI | n |
|---|---|---|---|
| CV-Ereignisse – Atorvastatin | 10,9 | – | 4.984 |
| CV-Ereignisse – Placebo | 15,5 | – | 4.987 |
| Tod/Demenz/Behinderung – Atorvastatin | 21,6 | – | 4.984 |
| Tod/Demenz/Behinderung – Placebo | 23 | – | 4.987 |
Die Zahlen
- Teilnehmende
- 9.971 (4.984 Atorvastatin, 4.987 Placebo)
- Fundstelle: Abstract, Results„A total of 9971 participants were enrolled: 4984 were assigned to receive atorvastatin and 4987 to receive placebo.“
- Schwere kardiovaskuläre Ereignisse
- HR 0,70 (0,61–0,82)
- Fundstelle: Abstract, Results„a primary cardiovascular event had occurred in 297 participants (10.9 events per 1000 person-years) in the atorvastatin group and in 412 participants (15.5 events per 1000 person-years) in the placebo group (hazard ratio, 0.70; 95% confidence interval [CI], 0.61 to 0.82; P<0.001).“
- Tod, Demenz oder bleibende Behinderung
- HR 0,94 (0,84–1,05)
- Fundstelle: Abstract, Results„Death from any cause, dementia, or persistent physical disability occurred in 637 participants (21.6 events per 1000 person-years) in the atorvastatin group and in 676 participants (23.0 events per 1000 person-years) in the placebo group (hazard ratio, 0.94; 95% CI, 0.84 to 1.05; P = 0.25).“
- Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse
- 131 (2,7 %) vs. 129 (2,7 %)
- Fundstelle: Abstract, Results„Serious adverse events occurred in 131 participants (2.7%) in the atorvastatin group and in 129 (2.7%) in the placebo group, with musculoskeletal, hepatobiliary, and diabetes-related adverse events occurring more commonly in the atorvastatin group.“
- Alter und Geschlecht
- im Mittel 74,7 Jahre, 51,9 % Frauen
- Fundstelle: Abstract, Results„The mean (±SD) age of the participants was 74.7±4.5 years, and 51.9% were women.“
- Nachbeobachtung
- Median 5,9 Jahre
- Fundstelle: Abstract, Results„After a median of 5.9 years, a primary cardiovascular event had occurred in 297 participants“
- LDL-Cholesterin zu Studienbeginn
- 3,27 mmol/l (126 mg/dl)
- Fundstelle: Baseline-Publikation, J Am Heart Assoc 2024 (PMC11681405), Abstract„The mean low‐density lipoprotein cholesterol was 3.27 mmol/L (SD=0.72; 126 mg/dL).“
Was die Studie zeigt – und was nicht
Ob Menschen ab 70 ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung von einem Statin profitieren, war bislang vor allem aus Untergruppen älterer Studien abgeleitet. STAREE prüfte das gezielt: Unter Atorvastatin 40 mg traten über median 5,9 Jahre weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse auf (10,9 vs. 15,5 je 1.000 Personenjahre, HR 0,70). Beim zweiten primären Endpunkt, Tod, Demenz oder bleibende Behinderung, zeigte sich kein Unterschied (21,6 vs. 23,0 je 1.000 Personenjahre, HR 0,94; P = 0,25). Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse meldet der Abstract mit 131 (2,7 %) vs. 129 (2,7 %); muskuloskelettale, hepatobiliäre und diabetesbezogene Ereignisse kamen unter Atorvastatin häufiger vor. Der kardiovaskuläre Endpunkt schließt koronare Revaskularisationen ein, die im Protokoll von 2023 noch nicht Teil der Definition waren; wie viele Teilnehmende die Studienmedikation abbrachen oder in der Placebogruppe ein Statin nahmen, steht nicht im Abstract. Die Ergebnisse gelten für selbstständig lebende Menschen ohne Diabetes und Demenz aus australischen Allgemeinpraxen. Die Autoren folgern, dass Atorvastatin kardiovaskuläre Ereignisse senkte, das Überleben ohne Behinderung aber nicht verlängerte.
Evidenzprofil
Eigene Einschätzung, da keine GRADE-Angabe der Autoren auffindbar: großes, doppelblindes, placebokontrolliertes RCT mit öffentlicher Finanzierung. Begrenzt auf moderat (RoB 2: einige Bedenken), weil nur Abstract, Protokoll und Registereintrag frei zugänglich sind: fehlende Daten und Therapieabbrüche ließen sich nicht prüfen, und die Definition des kardiovaskulären Endpunkts weicht vom veröffentlichten Protokoll ab (dort ohne koronare Revaskularisation).
- RoB 2 · Eigene Einschätzung
- einige Bedenken
- Randomisierung, Verblindung und ITT-Analyse laut Protokoll ohne Bedenken; Bedenken bei fehlenden Ergebnisdaten (ohne Volltext nicht prüfbar) und beim selektiven Berichten für den kardiovaskulären Endpunkt, dessen Definition gegenüber dem Protokoll von 2023 um koronare Revaskularisation erweitert wurde (Zeitpunkt der Änderung nicht prüfbar). Eintrag
- Studientyp
- Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie (RCT)
- Teilnehmende
- 9.971 randomisiert (4.984 Atorvastatin, 4.987 Placebo)
- Population
- Selbstständig lebende Erwachsene ab 70 Jahren ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Demenz aus Allgemeinpraxen in Australien; im Mittel 74,7 Jahre, 51,9 % Frauen (Abstract). Mittleres LDL-Cholesterin zu Studienbeginn 3,27 mmol/l (126 mg/dl), Rekrutierung über 1.583 Praxen (Baseline-Publikation, JAHA 2024).
- Intervention / Exposition
- Atorvastatin 40 mg einmal täglich (Start mit 20 mg für 4 Wochen, Dosisreduktion bei Unverträglichkeit erlaubt; Protokoll)
- Vergleich
- Identisches Placebo
- Endpunkt
- Zwei primäre Endpunkte, hierarchisch getestet: (1) schwere kardiovaskuläre Ereignisse (kardiovaskulärer Tod, nicht-tödlicher Herzinfarkt oder Schlaganfall, koronare Revaskularisation); (2) Tod jeglicher Ursache, Demenz oder bleibende körperliche Behinderung (Gegenteil des Überlebens ohne Behinderung)
- Dauer / Nachbeobachtung
- Median 5,9 Jahre Nachbeobachtung
- Finanzierung
- Laut Abstract „National Health and Medical Research Council and others“; laut PubMed-Förderangaben NHMRC APP1068146, APP1161503 und APP2006611. Laut Studienprotokoll (2023): Sponsor Monash University, Förderung durch NHMRC und Heart Foundation of Australia; die Förderer hatten keine Rolle bei Design, Analyse, Interpretation und Publikation. In den geprüften Quellen keine Industrieförderung genannt; die Angaben im NEJM-Volltext waren nicht zugänglich.
- Interessenkonflikte
- Die Erklärungen der NEJM-Publikation waren nicht frei zugänglich und konnten nicht geprüft werden. Im Studienprotokoll (2023) nennen mehrere Autoren Industriebeziehungen, u. a. S. Zoungas (Zahlungen an die Institution für Beratung außerhalb der eingereichten Arbeit von Amgen, AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Eli Lilly, MSD, Novo Nordisk, Sanofi, Servier) und S. J. Nicholls (Forschungsförderung u. a. von AstraZeneca, Amgen, Eli Lilly, Novartis; Beratung u. a. für AstraZeneca und Eli Lilly).
Stärken
- Doppelblind mit identischem Placebo, zentrale webbasierte Randomisierung durch unabhängigen Statistiker (Protokoll)
- Größte placebokontrollierte Statinstudie zur Primärprävention speziell bei Menschen ab 70 Jahren (9.971 Teilnehmende)
- Patientennaher zweiter Endpunkt: Überleben ohne Demenz oder bleibende Behinderung, nicht nur kardiovaskuläre Ereignisse
- Hierarchische Testung der beiden primären Endpunkte vorab im Protokoll festgelegt; Endpunkte durch Adjudikationskomitees bewertet, Studienpersonal verblindet
- Öffentliche Finanzierung (NHMRC, Heart Foundation), Registrierung seit 2014 (NCT02099123)
Grenzen
- Volltext nicht frei zugänglich: Abbruchraten, Statin-Einnahme in der Placebogruppe, LDL-Unterschied und fehlende Daten nicht prüfbar
- Kardiovaskulärer Endpunkt in der Publikation inklusive koronarer Revaskularisation; im veröffentlichten Protokoll (2023) und in der Baseline-Publikation (2024) ohne Revaskularisation definiert
- Fallzahl von geplanten 18.000 reduziert (zuletzt geplant 9.631), weil die COVID-19-Pandemie die Rekrutierung bremste und die Finanzierung der Rekrutierung außerhalb Australiens nicht gesichert war (Protokoll)
- Nur Australien, nur Allgemeinpraxen, Ausschluss von Menschen mit Diabetes, Demenz und Gesamtcholesterin über 7,5 mmol/l; Placebo-Run-in mit Mindest-Therapietreue von über 85 %
- Muskuloskelettale, hepatobiliäre und diabetesbezogene unerwünschte Ereignisse traten unter Atorvastatin häufiger auf; Zahlen dazu stehen nicht im Abstract
- Nur eine Dosis eines Wirkstoffs (Atorvastatin 40 mg) untersucht
- Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse laut Abstract je 2,7 %; Nenner und Definition (alle oder nur therapiebezogene) ohne Volltext unklar
- Untersucht wurde Atorvastatin 40 mg; die NICE-Leitlinie nennt für die Primärprävention 20 mg
Methodik
Doppelblindes, placebokontrolliertes RCT in australischen Allgemeinpraxen. Nach 4-wöchigem Placebo-Run-in (Therapietreue über 85 %) zentrale Randomisierung 1:1 (Blöcke, stratifiziert nach Bundesstaat und Altersgruppe) auf Atorvastatin 40 mg oder identisches Placebo. Zwei primäre Endpunkte, hierarchisch getestet (zuerst kardiovaskuläre Ereignisse, dann Tod, Demenz oder bleibende Behinderung), Analyse nach Intention-to-treat mit Cox-Modellen; Endpunkte durch Adjudikationskomitees bewertet, Studienpersonal verblindet (Protokoll BMJ Open 2023; Ergebnisse laut NEJM-Abstract).
Quelle
Zoungas S, Wolfe R, Moran C, … Nelson MR; STAREE Investigators. Atorvastatin, Cardiovascular Events, and Disability-free Survival in Older Adults. New England Journal of Medicine 2026;395(13):1259–1272. doi:10.1056/NEJMoa2607314 · PMID 42670961 · Volltext beim Verlag (Abo) · Fragen zur Quelle: Kontakt
Prüfprotokoll
Recherchiert am 19. Oktober 2026. Unabhängige Zweitprüfung aller Zahlen am 19. Oktober 2026: korrigiert.
- Titel gekürzt (Entwurf 84 Zeichen) und „gleiches Überleben“ ersetzt, weil die Studie nicht auf Gleichwertigkeit angelegt war
- Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse nur wörtlich aus dem Abstract (131 [2,7 %] vs. 129 [2,7 %]); mit den Randomisierten als Nenner ergäben sich 2,6 %, Nenner und Definition offen
- „verblindete Adjudikationskomitees“ präzisiert: Komitees belegt, verblindet ist laut Protokoll das gesamte Studienpersonal
- Grund der Fallzahlreduktion präzisiert (Finanzierung der Rekrutierung außerhalb Australiens) und zuletzt geplante Fallzahl 9.631 ergänzt
- Interessenkonflikte präzisiert: Zoungas Beratung außerhalb der eingereichten Arbeit; Nicholls Novartis nur als Forschungsförderung; Angaben aus dem Protokoll 2023
- Finanzierung um NHMRC APP2006611 ergänzt; „keine Industrieförderung“ auf die geprüften Quellen beschränkt
- RoB-2-Beleg: Bedenken beim selektiven Berichten nur für den kardiovaskulären Endpunkt; Datum der Registeränderung nicht prüfbar (letzte Aktualisierung 19.11.2024)
- Ratendifferenzen als eigene Ableitung aus rohen Raten gekennzeichnet; 1,4 nicht als Effekt dargestellt
- Leitfrage neutral formuliert (keine vorausgesetzte Schutzwirkung) und Grafikschritte auf „nicht nachweisbar“ präzisiert
- NEJM-Volltext nicht frei zugänglich: Abbruchraten, Statineinnahme in der Placebogruppe, erreichter LDL-Unterschied, fehlende Daten, Einzelzahlen zu muskuloskelettalen, hepatobiliären und diabetesbezogenen Ereignissen, Gesamtmortalität und Interessenkonflikte der Publikation
- Nenner und Definition der schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse (2,7 %)
- Zeitpunkt, zu dem der kardiovaskuläre Endpunkt um koronare Revaskularisation erweitert wurde (Versionshistorie des Registers nicht abrufbar)
- GRADE-Angabe der Autoren (im Abstract keine; Volltext nicht geprüft)
- ESC/EAS-Leitlinie 2019 und Focused Update 2025: Empfehlungstabelle zu Älteren nicht frei zugänglich, daher nicht zitiert
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